Die politische Dimension weiblicher Spiritualität
Gedanken zum Internationalen Goddesskongress 2010
„Auf, auf zum Schloss!“ hieß es im Mai 1832. Tausende von Frauen und Männern stürmten das Schloss Hambach in der Pfalz und damit die Monarchie. Sie riefen in wilder Entschlossenheit die Demokratie aus, auch wenn sie noch lange nicht in Sicht war. Aber eine Vision gab ihnen Mut und beflügelte sie: Freiheit von der Monarchie.
Von hier ging die erste deutsche Frauenbewegung aus. Den Frauen ging die Vision nicht weit genug: Freiheit bedeutet nicht nur Demokratie und Wahlrecht für alle. Freiheit bedeutet Emanzipation von jeder Art von Unterdrückung, also Freiheit für Körper, Geist und Seele. Für sie waren Ehe und Kirche Institutionen, die Männer über Frauen HERRschen ließ. Solange ein Geschlecht das andere unterdrückt, gibt es keine Freiheit. Frauenrechte sind Menschenrechte.
Rund 170 Jahre später wurde in visionärer Tradition erneut im Mai auf dem Hambacher Schloss die Zukunft herbeigerufen: das Jahrtausend der Frau.
Und nun, noch einmal zehn Jahre später, am 28.Mai 2010 ein erstes Resümee.
Was beim ersten Anblick des überfüllten Schlossberges klar wurde, war: dies ist keiner der üblichen Kongresse. Hier wurde gelehrt genauso wie gesungen und getanzt. Wundervolle Handarbeiten wechselten ihre Besitzerinnen und Besitzer, Kunstwerke wurden hergestellt und in zwei großen Sälen die Lage der Welt diskutiert: Unterdrückung herr-scht auf Erden.
Es gibt gar keine „Frauenemancipation“, wie unsere Vormütter vergangener Jahrhunderte es verlangen. Es gibt nur eine Befreiung der Menschen und damit der Mutter Erde von einem patriarchalen Terror, der die ganze Welt erfasst hat: Globalisierung, Kriege, Terrorismus, Fundamentalismus all überall.
Hier auf dem Internationalen Goddesskongress 2010 war zu erleben: die Frauenbewegung hat sämtliche Grenzen überschritten. Sie ist vieldimensional. Das Patriarchat bekämpft nicht Welthunger und Armut – es bringt sie mit sich! Im Patriarchat wird alles Mütterliche zerstört: von mütterlicher Fürsorge unter uns Menschen bis hin zur Zerstörung von Mutter Erde und Ausbeutung des Kosmos. Diese Bewegung der Frauen zusammen mit vielen Männern ist grenzenfrei: Lehrende und Lernende aus aller Welt trafen sich hier. Sogar der Botschafter von Bolivien war eigens aus Berlin gekommen. Es geht um die Mutter, alle Mütter – die pflanzlichen, die tierischen, die menschlichen, die irdene und die kosmische, und wir alle sind ihre Kinder. Es geht nicht um eine neue Religion. Es geht einzig um das Leben, die Welt, die unser aller Mutter ist und von der wir ein Teil sind.
Die Sonne schien, Fahnen flatterten im Wind, von überall her kamen Musik, Gelächter, erregte Stimmen; vor dem Schloss lockten Essenszelte mit ihrem Duft, Kinderstimmen, Menstruationshütte, Büchertisch, ein Labyrinth. Dies war keine normale Veranstaltung - dies war die Zusammenkunft einer weltweiten Bewegung, für die es zwischen Politik und Spiritualität keine Grenzen gibt! Die Welt ist eine Große Mutter und die Großmütter dieser Erde sind deshalb aufgerufen: Nehmt Euren Platz wieder ein und helft uns, die mütterliche Ordnung wiederherzustellen!
13 Frauen, der „Rat der Großmütter“, sprachen als Höhepunkt des Kongresses ihr „Machtwort“ – es schallte hinab vom Schlossberg weit hinaus über die Rheinebene, getragen von Jubeln und Trommeln, Bekräftigungen und Gesang, 13 Machtworte als mütterliche Antwort Europas auf die Forderungen anderer Großmütter aus aller Welt, die sich bereits vorgestellt hatten [1] . Es wird Zeit, dass auch wir (uns) erinnern. „Das Leben ist ein Geschenk. In der Balance von Geben und Nehmen wird es zum Fest. Wenn wir den Wert des Schenkens neu erkennen, wird sich die Gesellschaft verändern“, sagt z.B. das 12. Machtwort und kündigt damit der globalen Ausbeutung. Das 1. Machtwort verkündet. „Wir sind verbunden. Wir Menschen sind nur eine von vielen Lebensformen der Erde. Du bist verbunden mit Allem und Teil von Allem. Alles, was du tust, hat eine Wirkung auf das Ganze.“ [2]
Verbindung und Vernetzung geschieht über all. Die Bewegung der Mutter Erde kennt keine nationalen Interessen. Die Initiatorinnen dieses Events versuchen, die Fäden zu knüpfen und helfen bei der Vermittlung. Nach dem Kongress ist vor dem Kongress heißt ihre Devise und welche Verbindung sucht, ist herzlich willkommen (siehe die Webadressen unten).
So war eigens die Medienfirma AVRecord damit beschäftigt, jeden Vortrag einzeln auf DVD aufzuzeichnen, die nun erworben werden können. Selbst die Anwesenden, rund tausend Frauen und Männer konnten ja schon nicht an allen Vorträgen, an der ganzen Fülle teilnehmen. Wie viele mögen an einer Teilnahme überhaupt gehindert worden sein?
Eines ist klar: das Schloss ist zu klein geworden. Die spirituell-politische Bewegtheit, angeführt von Frauen für alle Menschen und für Mutter Erde, die hier in den drei Tagen zum Ausdruck kam, braucht Platz, viel mehr Platz, denn mittlerweile ist sie über-All.
Wie zur Bekräftigung durch tausendfache Küsschen für alle fegte genau am Ende der Ausrufung inmitten des Sonnenscheins ein Regen um das Gemäuer. Unter Gelächter wurden wir alle nass - und schon war der Schauer wieder vorbei. „Meine Füße fest auf Mutter Erde,/ segnen SIE mit jedem Schritt/ Meine Liebe spürt IHREN Herzschlag/ und mein eigenes Herz schlägt mit“ [3] , sang es in meinem übervollen Herzen, als ich mit den anderen diesen historischen Ort verließ.
Grüß Göttin
Dr. med. Hildegard Döring, zweifache Mutter, sechsfache Großmutter.
Weitere Informationen unter
www.alma-mater-akademie.de
www.matriaval.de
www.matria.de
www.ratdergrossmuetter.de
[1] „Die Botschaft der weisen Alten“ von Carol Schäfer
[2] „Das Machtwort der Großmütter“ wird als Flyer weitergegeben, siehe www.ratdergrossmuetter.de
[3] Aus „Der Erde eine Stimme geben“, Buch und CD von Amai-Angelika Helm.